Arbeitseinsätze nach der Flutkatastrophe
Durch eine kurze Reportage im Morgenmagazin des ZDF bin ich auf die private Aktion Helfer-Shuttle aufmerksam geworden. Weitere Informationen habe ich mir aus dem Internet geholt. Vom Helfer-Shuttle-Camp in Grafenau aus wird die Hilfe für die Opfer der Flutkatastrophe koordiniert. Dann also nix wie hin nach Grafenau.
Erster Einsatz vom 23.08. bis zum 27.08.2021
Das NAVI findet den richtigen Weg zum dortigen Innovationspark. Danach braucht man nur noch den Wegweisern folgen. Montag, so gegen 14:00 Uhr, ist die erste Kontaktaufnahme am so genannten Dispositionszelt. Ich bin zu spät! Die freiwilligen Helfer treffen sich jeden morgen bis 09:00 Uhr am Platz und werden dann für die Tagesaufgaben eingeteilt. Es bleibt also genug Zeit mich umzuschauen und auch Pompui in die richtige Position zu bringen. Beim Rundgang wird klar, dass auch andere Institutionen hier oben ihr Lager aufgeschlagen haben. Ich laufe mal Richtung „Meldekopf“. Die Bezeichnung kenn ich noch aus meiner Grundausbildung. Dies ist aber die zentrale Anlaufstelle des Roten Kreuz und hat überhaupt nichts mit dem Helfer Shuttle zu tun.



Für den ersten Arbeitstag habe ich den Wecker gestellt und bin natürlich viel zu früh am Treffpunkt. Die Ausstattung habe ich unterwegs im Baumarkt noch etwas aufgestockt damit ich, aus meiner Sicht, einigermaßen gut gerüstet bin. Allerdings steht hier oben auch eine Art Baumarkt mit gespendeten Werkzeugen zur Verfügung. Hier könnte ich Ersatz holen wenn mein Zeug den Geist aufgibt. Kaffee gibt es auch. Morgen kann ich 30 Minuten länger schlafen und trinke den Kaffee hier im Zelt mit den anderen Helfern. Kurz nach 09:00 Uhr geht es dann los. Es sind noch Aufträge von gestern offen und dafür stehen schon Gruppen zur Abfahrt bereit. Ich mache es wie immer und stehe erst mal dumm rum. Zunächst kommt die „Morgenandacht“ vom Camp-Chef Thomas. Er weist auf die aktuelle Situation im Tal hin und wie froh er ist die vielen Freiwilligen jeden morgen aufs Neue begrüßen zu können.
Dann werden die Busse nach Ahrweiler, Altenburg usw. voll gemacht und die Aufgabenzuteilung erfolgt dann direkt im Ort. Wir sind am Lidl-Parkplatz in Ahrweiler ausgestiegen. Das ist dann auch wieder der Treff für die Rückfahrt. Wir werden am Nachmittag die ersten bei der Abholung und müssen um 15:30 Uhr wieder da sein. Der erste Auftrag führt uns in die Innenstadt von Ahrweiler. Es ist ein recht langer Fußmarsch und so sehen wir das Ausmaß der Zerstörung hautnah. Wir Neuankömmlinge stehen komplett erschüttert vor den Trümmern. Dieser Anblick lässt erkennen, dass hier wirklich jede helfende Hand gebraucht wird. Dabei ist es egal ob du geübter Handwerker oder ungeübter Bürohengst bist. Ich als versierter Sesselpupser kann mich mit Fäustel und breitem Flachmeißel nützlich machen. Der zweite Auftrag führt uns an der Ahr entlang. Unvorstellbar was dieser kleine Bach, der jetzt in einem riesigen Flussbett rumplätschert, in diesen wenigen Stunden angerichtet hat. Laut dem Google Navi laufen wir den geteerten Spazier- und Radweg am Park entlang. In Wirklichkeit stapfen wir durch Schlamm, vorbei an umgestürzten entwurzelten Bäumen und aller möglichen Trümmern die hier angespült worden sind. Den geteerten Radweg finden wir nicht, der ist unterspült und liegt häppchenweise im Flussbett. Auch die unterirdischen Installationen hängen jetzt unterspült im Freien. Die Reste umfließt eine unscheinbar dahin plätschernde Ahr. Mittagessen gibt es in einem der Versorgungszelte des Roten Kreuz. Zum Glück für mich haben wir früh Feierabend, denn das Hämmern geht gehörig in den Arm. Wieder zurück im Camp werden wir nochmals mit warmen Essen versorgt. Es bietet die Gelegenheit den Tag zu reflektieren, das Erlebte mit den Anwesenden zu besprechen. Danach ist erholen angesagt. Duschen und den geschundenen Körper pflegen, die Füße hochlegen. Ich genieße die Vorteile unseres Schneckenhauses mit den bequemen Sesseln und dem Satelliten -TV. Ich verspüre großen Respekt vor den Helfern die in Zelten oder sogar in ihren Pkw übernachten.
Am nächsten Tag schließe ich mich einer kleinen Gruppe an. Einer davon ist nach Hause zurück und sie brauchen Ersatz. Mit ihnen zusammen schleppe ich eimerweise Schutt aus zwei Wohnungen im Hochparterre, die komplett „ausgebeint“ werden müssen. Zunächst werden die Wände von Putz und Fliesen befreit, damit das Mauerwerk lüften und trocknen kann. Die schweren Eimer zeigen Wirkung. Das verletzte Knie schmerzt ziemlich stark, trotz der Manschette die ich unter der Arbeitshose trage.
Am nächsten Tag schone ich das Knie indem ich mir einen schweren Bohrhammer schnappe und sechs Stunden Estrich wegkloppe. Drei Tage sind aber genug für einen Sesselpupser wie mich. Am Abend nach der Arbeit bin ich komplett ausgelaugt und übernachte deshalb auch Donnerstag noch einmal hier. Den Freitag Vormittag nutze ich zu einem Einkauf bei Haribo. Dann noch der Zwischenstopp in Alzey zum Tanken im Rheinhessencenter. Den Nachmittagskaffee trinke ich mit Eli zu Hause. Ganz ehrlich, die drei Tage harte Arbeit wirken gehörig nach.
Zweiter Einsatz vom 12.09. bis zum 16.09.2021
Der Kurzurlaub in Zürich hat die alten Batterien zusätzlich aufgeladen und ich fahre Sonntag Nachmittag los. Es ist spät und daher wird das Einrichten auf morgen im Tageslicht verschoben. Kurzer Anruf zu Hause, Zähne putzen und dann ins leicht schiefe Bett kuscheln. Den ersten Tag arbeiten wir in der Ahrtalschule. Es gibt viel zu tun. Wir wühlen uns durch Klassenzimmer, Chemielabore und was es da noch so gibt. Einige müssen sogar mit Ganzkörperanzügen und Atemschutz in die Katakomben der Schule klettern. Sie bringen Saugrohre in Position und halten sie dort damit der giftige Schlamm abgesaugt werden kann. Das Wasser ist in einem Zwischengebäude bis unters Dach gestiegen. Daher muss die durchnässte Isolierung entfernt werden. Wie beim letzten Mal sitzen wir nach Feierabend wieder zusammen essen, reden und verabreden uns wieder für morgen. Danach wird Pompui eingerichtet. Die Auffahrkeile brauche ich unbedingt, denn in der Nacht bin ich fast aus dem Bett gekullert. Pompui muss rechts erhöht stehen. Die nachfolgenden Aufnahmen zeigen Teile des Shuttle-Camp. Das riesige weiße Bauwerk soll vorübergehend als Ersatz für den überfluteten Kindergarten verwendet werden. Das Spiegelmobil ist auch neu, da können sich derzeit fünf Stromabnehmer mit Energie versorgen.




In den nächsten Tagen traue ich mich auch die eine oder andere Aufnahme an der Ahr und auf einer Baustelle zu machen. Der Dienstag – Auftrag führt uns direkt an die Ahr. Das überflutete Haus dort muss komplett „ausgeputzt“ werden. Die nachfolgenden Aufnahmen zeigen die Lage an der Ahr, die zerstörte Fußgängerbrücke und die verschiedenen Arbeitsschritte in Keller und Erdgeschoß. Im strömenden Regen bilden wir eine Eimerkette um den Schutt aus dem Keller in den Vorgarten zu schaffen.









Die Arbeiten zeigen Wirkung. Zunächst bilden sich komische Flecken an den Knöcheln. Am ersten Tag trage ich Gummistiefel und stopfe die Hosenbeine hinein. Abends bin ich bis zu den Knien verschwitzt. Das ist wohl die Ursache für den Ausschlag. Eincremen, Luft ran lassen und morgen ziehe ich andere Schuhe an. Allerdings bessert sich der Ausschlag nicht und ich gehe Dienstag nach der Arbeit ins Erste Hilfe Zelt. Für die Nacht behandeln sie mich mit einer Salbe und einem Verband. Mittwoch früh wird nochmals mit verstärktem Mull verbunden.




Donnerstag ist es nicht besser und es kommt noch ein Jucken hinzu. Die Sanitäter vom Erste Hilfe Zelt sind der Meinung, dass sich ein Arzt darum kümmern sollte. Ich mache mich nach dem Frühstück auf den Heimweg. Zum Schluss noch die Aufnahmen meiner Arbeitskleidung nach dem Einsatz. Zwei Hosen haben wir erst gar nicht mehr gewaschen. Die Maschine hätten wir danach wohl nicht mehr sauber bekommen.




Der Besuch bei unserer Hausärztin beruhigt. Sie bestätigt die Diagnose der Sanitäter und empfiehlt einfach nur Luft ran lassen. Es dauert aber trotzdem über eine Woche bis die Flecken weg sind…
Dritter Einsatz vom 03.10. bis zum 08.10.2021
Die Registrierung im Internet ist nicht umsonst. Tatsächlich bekomme ich eine Nachricht per E-Mail. Ich bin selbst im Weinanbaugebiet groß geworden und habe als Teenager meinem Vater bei der Arbeit im Weinberg geholfen. Der Hilfseinsatz wird dadurch auch zu einer Reise in die Vergangenheit. Die Weinlese ist nicht mit der Arbeit auf den Baustellen zu vergleichen. Wir sind den ganzen Tag an der frischen Luft, kein Maschinenlärm, keine lästige Atemmaske und auch keine ständig anlaufende Schutzbrillen. Einen Nachteil stelle ich nach dem ersten Tag aber doch fest. Ich habe Rücken! Für die Weinlese sind wir jeweils mit zwei Personen in einer Reihe eingeteilt und dabei ergeben sich sehr interessante Gespräche. Nach vier Tagen ist dann wieder Schluss, der Rücken schreit dann doch langsam nach Entlastung. Nachfolgend noch ein paar Impressionen vom Camp…. Ach ja und den rechten Außenspiegel hat eine unbeugsamen Warnbake auf dem Gewissen.







Aus Rücksicht auf meine Krankheit und das dadurch geschwächte Immunsystem werde ich für dieses Jahr auf einen weiteren Einsatz beim Helfer-Shuttle verzichten. Der Camp-Chef Thomas hat von bevorstehenden Änderungen in der Organisation und auch in der Art der Hilfeleistungen gesprochen. Das wird nicht von heute auf morgen geschehen ist aber notwendig für die Aufgaben die noch zu leisten sind. Ich werde einfach mal abwarten und mich für die Einsätze im nächsten Jahr schonen.

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