Was lange währt wird nicht immer gut!
Das Jahr 2008 hat eigentlich ein recht guten Verlauf genommen. Im August haben wir eine sportliche Höchstleistung vollbracht und sind so etwa 1100 Kilometer durch Deutschland geradelt. Den Bericht dazu gibt es hier zu lesen….
Danach kommt es schon komisch rüber wenn wir nach nur 7 Kilometer Heimweg nach der Arbeit in Gerlingen ankommen und ich vor Schüttelfrost fast vom Rad falle. Vielleicht ist es ja der Regenguss, der uns die halbe Strecke begleitet hat. Eine heiße Dusche und dann ab ins Bett. Morgen geht es wieder. Typischer Fall von Denkste! Das mit dem Frieren wird zwar besser, aber körperlich bin ich echt am Boden. Zum Glück ist der Hausarzt in der Nachbarschaft. Frau Bergmann-Raisch ist überaus kompetent und gründlich. Die Symptome weisen aus ihrer Sicht auf das Pfeiffersche Drüsenfieber hin. Als ich so nebenbei einen kleinen Knoten in der rechten Seite erwähne wird sie aber hellhörig. Den Knoten habe ich mit einer blöden Bewegung beim Faustball in Verbindung gebracht und nicht weiter darauf geachtet. Hätte ich nur!!! Er wird rausoperiert und untersucht. Das Ergebnis trifft mich hart. Das entnommene Material ist bösartig.
Der Befund lautet: follikuläres NHL (Non Hodgkins Lymphom) im Stadium IV
Eine sofortige Behandlung und vollständige Heilung ist nicht mehr möglich. Durch das Aufbrechen der Verkapselung hat sich das bösartige Material auch im Rückenmark eingenistet.

Die Phase watch and wait beginnt und wird im Wechsel von Untersuchungen (Staging) beim Hausarzt und dem Robert Bosch Krankenhaus begleitet. Der Turnus der Untersuchungen wird von anfänglich vierteljährig auf halbjährig verlängert. Jeder Angriff auf das Immunsystem wird vom Lymphom registriert. Es macht sich dann zum Beispiel bei Erkältungen bemerkbar indem die Lymphknoten am Hals anschwellen.
Seit Winter 2013 plagen mich Rückenschmerzen. Ein Besuch beim Orthopäden und das Einrenken eines Wirbels hilft nur kurz. Bis Januar hat sich ein Knoten am unteren Halsbogen gebildet und beim Staging werden vergrößerte Knoten an der Wirbelsäule festgestellt. Daher kommen wohl die Rückenschmerzen. Einer der Knoten muss raus und untersucht werden. Das entnommene Material zeigt keine Veränderung was die Bösartigkeit angeht.
Anhand der verschlimmerten Symptome wird aber eine Krebsbehandlung, die Chemoimmuntherapie, verordnet. Hier wird sowohl Chemotherapie als auch Immuntherapie kombiniert. Die nächsten Monate verlaufen nach immer gleichem Muster. Alles beginnt mit einer gründlichen Untersuchung dem Staging gefolgt von drei Infusionen mit Rituximab-Bendamustin. Danach brauche ich zwei Wochen zur „Verdauung“, in der vierten Woche geht es spürbar aufwärts und in der fünften Woche hole ich mir die nächsten Infusionen ab. Das Ganze dauert sechs Infusionszyklen, also sechs Monate.
Zur Belohnung darf ich dann im September zur Kur. Ich finde nur eine Klinik in Deutschland, an der Nordsee, die sich mit der REHA von NHL – Patienten beschäftigt. Die Heilfürsorge des Landes Baden Württemberg besteht aber auf einer Klinik im Bundesland. Somit wird es dann die Paracelsus Klinik in Scheidegg. Ich bin der Exote, denn einen Patienten mit dem Non Hodgkins Lymphom hat man hier noch nicht behandelt. Es gibt einen grundsätzlichen Behandlungsplan mit Lücken. Die behandelnde Ärztin gibt mir freie Hand wie ich die Lücken aus den Spezialangeboten fülle. Ich will schnell wieder fit werden und buche daher an den Nachmittagen zusätzliche Sporteinheiten. Das Rad habe ich dabei und bemerke auf der ersten Tour, dass ich wohl sehr viel Geduld aufbringen muss. Scheidegg liegt im Allgäu. Egal wo man sich hin bewegt es geht nicht ohne einen Anstieg. Die kurze Strecke in Richtung Scheidegg kommt mir die ersten Tage wie der Mount Everest vor. In der ersten Woche ist statt Radfahren eher Radschieben angesagt…
Ähnlich ergeht es mir auch beim Joggen. Die Planungen für unsere sportlichen Höhepunkte des Jahres sind über den Haufen geworfen. Ich werde wohl alles absagen und unterstütze Elli bei den Vorbereitungen und der Durchführung vom Reschenseelauf und dem Frankfurt Marathon so gut es eben geht.
Durch die Konstellation im Speisesaal hat sich bald die Gruppe der „glorreichen Sieben“ gebildet. Sechs Frauen und ein Mann. Wir sind vollgepackt mit schmerzlichen Erinnerungen und Zukunftsängsten. Die Laune am Tisch wird aber von Tag zu Tag besser. Die Kur schlägt bei allen sehr gut an. Mein Kraft- Ausdauertraining zahlt sich auch aus. Das erste Training auf dem Ergometer bringt mich gerade noch über den dreistelligen Wattbereich. Für den letzten Tag des Trainings habe ich mir das Ziel über 200 Watt vorgenommen. Die Therapeutin tut besorgt und fragt ob sie zur Vorsicht das Sauerstoffzelt aufbauen soll. Ich halte die 25 Minuten durch und erreiche tatsächlich 210 Watt… Dieser Erfolg macht Lust auf mehr…
Die Wochenenden kann ich mir frei nehmen. Elli kommt Freitags mit dem Zug nach Kressbronn an den Bodensee und wir mieten uns bis Sonntag beim Campingplatz Iriswiese ein. Wir gehen spazieren, fahren mit dem Rad durch die Gegend und Elli trainiert für den Marathon.





Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.